Mein Weg zum Glauben

Kerstin Meisegeier

Mein Name ist Kerstin und ich möchte euch darüber berichten, wie ich meinen Weg zu Jesus gefunden habe.
Zu Beginn möchte ich nur ganz kurz auf meine Kindheit und Jugend eingehen, die so typisch für einen jungen Menschen in der DDR verlaufen ist.
Ich wurde 1962 geboren. Ich besuchte Kindergarten und Hort, war erst Pionier, dann Mitglied der FDJ, erhielt die Jugendweihe, machte mein Abi und wollte studieren.

 

Ich hatte den Kopf voller großartiger Ideen, wie mein Leben verlaufen könnte. Ich träumte von Familie und Kindern, ich träumte von einer Arbeit als Lehrerin, vielleicht für Deutsch oder Geschichte oder an einer Sonderschule. Ich träumte von einer eigenen Wohnung (in der DDR ein gewagter Traum), von guten Freunden an meiner Seite, ich träumte von einem Leben in Zufriedenheit und von ein bisschen Glück.

Ich wurde nicht im christlichen Glauben erzogen. Ja, ich hatte schon etwas gehört von diesem Jesus und seinen Jüngern, dafür hatte unsere Nachbarin gesorgt, wenn sie mal Babysitten musste. Ja, ich wäre gern zur Christenlehre gegangen, hauptsächlich wegen der schönen Bildchen, die es dort gab und ich schaute mit großen Augen eine Fernsehserie über Jesus von Nazareth und war fasziniert vom Charisma dieser Person und von der Botschaft des Filmes.

Und manchmal schlich ich mich heimlich in die Kirche, weil mir die Orgelmusik so gut gefiel und ich dort so gut nachdenken konnte. Heimlich deshalb, weil ich auf einer sozialistischen Oberschule war und auch meine Mutter Angst vor Repressalien hatte, wenn die Tochter einer Werbeleiterin in die Kirche geht. Also habe ich mich voll und ganz auf die Verwirklichung meiner Träume konzentriert.

Mit meinem Studienwunsch ist es leider nichts geworden, mit meinem Traum von der eigenen Familie auch nicht. Freunde habe ich ganz tolle gefunden. In jeder Phase meines Lebens standen wunderbare Menschen an meiner Seite, bis zum heutigen Tage.

Nachdem mich das Leben ordentlich durchgewirbelt hatte, und es mir manches Mal sehr schwer geworden war, fand ich mich nach der Wende trotz eines abgeschlossenen Studiums mit Bestnoten als Verkäuferin hinter einem Bäckerstand wieder. Aber ich will mich nicht beklagen oder darüber jammern, Es ist ein schöner und abwechslungsreicher Beruf und diese Zeit hat mir wirklich viel gegeben. Ich hatte täglich mit vielen Menschen zu tun und habe mich wertvoll gefühlt. Leider wurde meine Filiale 1997 geschlossen und ich verlor meine Arbeit und damit auch meinen Platz im Leben, den ich mir so mühevoll gesucht hatte.

Ich wurde krank. Ich wusste, ich würde es unendlich schwer haben, im wahrsten Sinne des Wortes, wieder eine Arbeit zu finden, denn schon seit meiner Kindheit bin ich stark übergewichtig. Ich fing an, mich völlig auf zu geben und wurde depressiv. Ich zog mich total aus dem Leben zurück und mied den Kontakt zu den Menschen. Was mich immer so glücklich gemacht hatte, viele Menschen um mich zu haben, machte mir auf einmal Angst. Ein Jahr später fuhr ich in eine Rehabilitationsklinik um in einer längeren Therapie die Ursachen meiner Persönlichkeitsstörung zu erfahren. Leider ging es mir während der Therapie nicht besser, sondern noch viel schlechter. Immer tiefer rutschte ich in die Depressionen und war völlig hilflos und ohne Halt. Es gipfelte in einem Selbstmordversuch.

Genau an Weihnachten sollte es sein. Dann, wenn alle Menschen glücklich sind. Dieser Versuch endete in der Psychiatrie und ich wurde voll gestopft mit Medikamenten und Beruhigungsmitteln. Wie sollte ich da je wieder raus kommen? Das Leben erschien mir völlig hoffnungslos und ohne jeden Sinn. Das war 1998.

Vom Sterben hat Pastor Thomas gesprochen und von Verlust. Ich stehe da und blicke in eine Grube, deren Form und Tiefe mich stark an ein Grab erinnert. Mein Herz ist voller Freude und Erwartungen. Er hat auch von Wiedergeburt gesprochen und von viel positivem Zugewinn für mein Leben. Ich kann es kaum noch erwarten Thomas zu folgen, der mir schon voraus gegangen ist und mich im Taufbecken in Empfang nimmt. Ich trage das lange weiße Hemd eines Täuflings und bin einfach nur glücklich. Glücklich und aufgeregt. Ich habe mich mit Thomas Hilfe gut auf diesen besonderen Tag vorbereitet. Wir haben über Bedeutung und Sinn der Erwachsenentaufe gesprochen, wir haben gemeinsam Stellen in der Bibel gelesen und wir haben gemeinsam gebetet

Ich hatte Zweifel und ich hatte viele Fragen. Ich war nicht davon überzeugt, dass mir der Glaube wirklich über meine vielen Probleme hinweg helfen kann. Aber was viel schlimmer war, ich konnte einfach nicht vergeben. In meinem Leben, besonders in meiner Kindheit hatte es so viele Verletzungen gegeben, zum Teil sehr schlimme Verletzungen. Ich konnte es einfach nicht verarbeiten. Da half keine Klinik, keine Psychopharmaka, keine Therapeutin. Zehn Jahre habe ich einen Weg gesucht, um aus diesem „Tal der Tränen" wieder heraus zu kommen. Meist führte mich der Weg in die Irre und häufig in Abhängigkeit und Sucht. Seit meiner Kindheit leide ich an Esssucht und unter meinem Übergewicht. Nun versuchte ich meinen Kummer mal mit Rotwein zu betäuben, mal mit Beruhigungsmitteln, ich war abhängig von Zigaretten und Schmerzmedikamenten. Ich wollte und konnte meine Wohnung kaum noch verlassen.

In dieser schweren Zeit hatte mir Gott, ohne dass ich es wusste einen Engel geschickt. Dieser Engel sah so ganz und gar nicht aus, wie ich mir einen Engel vorgestellt hatte. Er war nicht zart und wunderschön, mit langen blonden Locken und mit flauschigen weißen Flügeln.

Nein, eigentlich ähnelte mir dieser Engel, als wäre er meine Schwester. Er, oder besser sie war von ähnlich kräftiger Statur und Größe wie ich und auch sonst erinnerte wenig an ein „himmlisches Wesen". Aber da war diese Liebe und Fürsorge, da war diese Fröhlichkeit und Herzenswärme. Und wie ein Engel ist sie an mir vorüber „geflogen" und hat mich nur ganz kurz mit ihren Flügeln gestreift.

Dieser Engel heißt Astrid und sie ist mir in der Kurklinik 1998 begegnet. Leider war unsere gemeinsame Zeit nur kurz. Aber sie hat bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen.

Astrid war voller Hingabe zu Jesus und von so einem klaren Glauben erfüllt, dass sie mich damit sehr berührt hat. Ich beneidete sie um diese Unerschütterlichkeit. Astrid reiste wieder ab und wir haben unsere Adressen ausgetauscht. Ich war mir ganz sicher, dass es, wie so oft im Leben eine einmalige Begegnung bleiben würde. Aber da hatte ich wohl die Rechnung ohne Astrid, meinen „Engel" gemacht. In den Zeiten der größten Finsternis und Traurigkeit war sie es, die sich immer wieder bei mir gemeldet hat. Längst war ich wieder zu hause und in Tränen und meine Abhängigkeiten versunken.

Astrid hat mich immer wieder versucht auf zu bauen, sie hat am Telefon für mich gebetet. Ich dachte: „Na lass sie mal machen, wenn es IHR gut tut.". Dass es MIR helfen könnte, daran konnte ich damals einfach nicht glauben.

Ich stehe auf der Treppe des Taufbeckens. Meine Füße berühren das Wasser. Ich nehme Thomas Hand und gelange über schmale Stufen sicher in das Becken. Wieder eine Hürde gemeistert, ich hatte so eine Angst, dass ich abrutschen könnte und in das Taufbecken stürzen. Nun bin ich im Wasser und um mich herum ist ein großes Gefühl von Freude und Erwartung.

Mein Leben ist wieder in seine Bahnen gekommen. Die ganz schlimmen Zeiten hatte ich irgendwie überstanden und hinter mir gelassen. Durch viele Medikamente betäubt, ist es mir gelungen, sogar eine Umschulung zu absolvieren. Mal ging es mir besser, mal schlechter. Es gab manische Phasen, in denen die ganze Welt nur auf mich gewartet zu haben schien und ich förmlich „überkochte" vor lauter Temperament. Aber meist gab es depressive Phasen, in denen ich häufig auch vom Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, gepeinigt wurde.

Selten gab es mal Phasen der Ruhe und einfach nur Zufriedenheit. Was mir in allen Phasen geblieben ist, war die Zuwendung meiner besten Freunde. Sie standen immer an meiner Seite, in guten wie in schlechten Tagen. Sie haben mir so oft geholfen, haben versucht, mich aus meiner Lethargie zu reißen. Haben mich einfach mit in den Urlaub genommen oder mich für ein Vorstellungsgespräch völlig eingekleidet und „durchstylen" lassen.

Und da war immer noch Astrid, die nie den Kontakt zu mir abreißen lassen hat und sich mal in größeren, mal in kleineren Abständen bei mir gemeldet hat. Es war immer eine Freude, von ihr zu hören. Na ja, und an die Gebete hatte ich mich auch irgendwann gewöhnt. Nein, nicht nur gewöhnt, es fing an, mir gut zu tun. Ich bat von selbst: „ Bete für mich:" oder „Lass uns noch gemeinsam beten". Es war so eine Art Telfonbeziehung zu Gott.

Eines Tages hatte Astrid eine große Überraschung für mich. Sie sollte ein Wochenende in der Geraer Gemeinde verbringen. Was für eine Chance uns endlich mal wieder zu treffen und in die Arme zu schließen. Ich wusste ganz genau, wo sich das Gemeindehaus befand. Schließlich fuhr ich mehrmals wöchentlich daran vorüber. Astrid hatte auch schon vor Jahren Kontakt zum Pastor der Gemeinde aufgenommen, mit der Bitte mich zu kontaktieren. Doch ich war einfach nicht bereit, Hilfe von Gott anzunehmen, ich konnte nicht glauben.

Nun trafen wir uns im Februar 2007 wieder, neun Jahre, nachdem wir uns in der Klinik kennen gelernt hatten. Ich war so aufgeregt! Bewegte ich mich doch auf einem völlig fremden Territorium. Wir hatten uns für Sonntag verabredet und ich wartete darauf, dass der Gottesdienst beendet wäre. Ich stand direkt vor der Einganstür, als die ersten Gemeindemitglieder den Saal verließen.

Wie sollte ich mich verhalten? Meine alten Ängste ergriffen von mir Besitz. Am liebsten wäre ich davon gelaufen, aber da war ja noch Astrid, auf die ich mich so freute.

Für mich war es wie ein Wunder. Keiner schaute mich schief an. Man war freundlich zu mir, begrüßte mich. Man wünschte mir Gottes Segen und ich war nicht peinlich davon berührt, sondern erfüllt von Dankbarkeit und Ruhe. Alle Angst war plötzlich wie weg geblasen. Ich traf Astrid und diese stellte mir den Pastor der Gemeinde und seine Frau vor. Das waren ja alles ganz normale Menschen! Und mehr noch, sie waren freundlich und aufgeschlossen. Ich fühlte mich sofort angenommen und willkommen.

Als ich am Abend eines wunderschönen Sonntags mit Astrid noch im Gemeindehaus geredet und schließlich auch gemeinsam mit ihr gebetet habe (endlich!!!) durchströmte mich ein großes Glücksgefühl und ich wusste, das brauche ich viel öfter. Ich glaube, das war meine erste richtige Begegnung mit Jesus, ohne dass ich das zu diesem Zeitpunkt schon begriffen habe.

Thomas Worte rauschen an mir vorüber, ohne dass ich sie so recht in mich aufnehmen kann. Ich warte nur auf die Frage, ob ich bereit bin, mein Leben ganz in Jesus Hand geben, um diese dann von ganzem Herzen zu bejahen. Das Gefühl ist unbeschreiblich! Ein bisschen fühle ich mich wie vorm Traualtar. Wenn, ja wenn da nicht die Sache mit dem Wasser wäre.

Thomas taucht mich nach hinten unter… und für mich beginnt einer der unglaublichsten Momente meines Lebens. Alle Stimmen und Gebete um mich herum verstummen und ich höre nur noch das blubbernde Geräusch des Wassers, das durch mein Eintauchen entsteht.

Das Wasser ist angenehm warm und umschmeichelt meinen Körper wie die Berührung mit glatter Seide. Mein Körper fühlt sich so angenehm leicht und schwerelos. Ich kann fühlen, die Last und der Kummer der vergangenen Jahre mich loslassen und im Wasser verschwinden. Für einen kurzen Moment bin ich ganz eins mit Jesus. Am liebsten möchte ich diesen Moment so lange genießen, wie es nur irgendwie geht. Aber da sind schon Thomas Hände die mich fest halten und mich wieder aus der Ruhe und Sanftheit des Wassers ziehen und mich fest auf meine Füße stellen.

Ich bin wieder zurückgekehrt. Aber ich bin nicht mehr derselbe Mensch, dieselbe Kerstin, als die ich in das Wasser eingetaucht wurde. Ich spüre die Freude der Gemeinde, zu deren Familie ich jetzt gehöre. Ich spüre, dass der ganze alte „Dreck" aus meinem vergangenen Leben von mir genommen wurde. Ich weiß, das bleibt alles hier in diesem Becken, wenn ich es jetzt unter dem Beifall der Gemeinde und meiner Freunde wieder verlasse. Ich fühle mich, wie ein neuer Mensch und die Floskel: „Ich fühle mich, wie neu geboren." bekommt eine ganz neue Bedeutung.

Ich denke an den großen Stöpsel, den ich vor Beginn der Taufzeremonie unten am Grund des Beckens gesehen hatte und ich weiß, wenn dieser dann gezogen wird, geht alles, was bisher so an mir geklebt hat einfach mit in die Kanalisation. Ich stelle mir vor, wie diese ganzen schlechten Gefühle und Gedanken, die schmerzhaften Erfahrungen und Enttäuschungen meines Lebens nun einfach mit dem Wasser verschwinden. Zurück bleibe nur ich und Jesus an meiner Seite. Er wird mir helfen die neuen Seiten im Buch meines Lebens wieder zu füllen und meinem Dasein einen neuen Sinn zu verleihen.

Jahrelang habe ich mit meinen Therapeuten daran gearbeitet, ein Bild zu schaffen, mit dessen Hilfe ich die Traumata meiner Kindheit wieder aus meinem Leben verbannen konnte. Nun ist es mir gelungen, mit Gottes Hilfe.

Ich konnte vor meiner Taufe vergeben. Ich bin ohne Groll und ohne Hass zu meiner Taufe gegangen. Ich habe dabei zum ersten Mal bewusst eine unglaubliche Kraft im Gebet gespürt. Ich konnte fühlen, dass ich im Gebet um Vergebung nicht mit Thomas und seiner Frau Silke allein war, sondern dass eine viel größere und stärkere Macht mir die Kraft dazu gegeben hat.

Meine Taufe war am 4. Mai 2008. Ich habe zehn Jahre gebraucht, um meinen Weg zu Jesus zu finden und ein Engel hat mich dabei begleitet und geführt. Ohne Astrid wäre ich wahrscheinlich immer noch auf der Suche.

Zum Abschluss möchte ich nur noch kurz erwähnen, dass ich mich seit Ende vergangenen Jahres wieder in einer schweren Depression befunden habe. So schlimm, dass ich fast keinen Ausweg mehr gesehen habe und um Aufnahme in eine Klinik gebeten hatte. Am Vorabend des Informationsgespräches in der Klinik habe ich mit Thomas und Silke um Vergebung gebetet und dabei zum ersten Mal die Kraft des Gebetes so hautnah erfahren.

Am nächsten Tag fühlte ich mich schon so gut, dass ich den Termin in der Klinik abgesagt habe. Das war am 2. Mai und es war Freitag. Am Sonntag hatte ich meine Taufe und es geht mir seitdem gut. Es hat sich etwas verändert in meinem Leben. Ich bin viel ausgeglichener und voller Zuversicht.

Ich weiß, dass ich wieder eine Zukunft habe. Ich weiß noch nicht genau, was Jesus für mich geplant hat, aber ich weiß genau, dass er für mich einen Plan hat.

Und ich glaube.